Survival nach dem Millenium Bug

Eigentlich scheint das ganze Theater um das Jahr-2000-Problem doch etwas übertrieben, schließlich ist am 1.1.1900 auch kein einziger Computer abgestürzt. Spass beiseite: Der Countdown läuft. Wenn die Datumsumstellung vom 31.12.1999 in das Schaltjahr 2000 erfolgt, kann allerhand schiefgehen oder nicht. Viele tolle Überraschungen stecken nicht nur in Computerprogrammen, sondern auch in den "Embedded Systems", deren einfachste Form ein sogenannter Mikroprozessor ist. Ein durchschnittliches Auto beispielsweise besitzt heutztage allein 14 solcher Chips. Sie finden sich unter vielem anderen auch in Herzschrittmachern, Kraftwerken, Waffen-, Sicherheits-, Lagerhaltungs- und Telekommunikations-Systemen, Kläranlagen, Aufzügen, Verkehrsampeln und Bankautomaten. Sollten die Y2K-Pessimisten recht behalten, bomben wir uns mit dem Jahrtausendfeuerwerk an Silvester zurück in eine vorindustrielle Zeit. Quasi nackt stehen wir dann in der neuen Wildnis. Aber keine Panik! Überlebenskünstler Sir Vival Rüdiger Nehberg verrät im ultimativen Millenium-Bug-Reiseführer wie man sich auch ohne High-Tech durch den postmodernen Dschungel schlägt.

Geld
Du hast Bargeld gehortet, denn der Geldautomat geht nicht mehr, die Kreditkarte ist wertlos und überhaupt kann man keine Bank mehr betreten, weil die elektrischen Türen und die Sicherheitssysteme nicht mehr funktionieren. Da kann man nicht genug Geldtaschen haben, weil man sich mit Geld nichts mehr kaufen kann. Geeignet sind Brustbeutel, Waden- oder doppelte Hosentaschen, Geldgürtel, Taschen in Hut und Schuh. Bewährt hat sich auch eine simple Plastiktüte. Oder hast du schon mal von einem Plastiktaschenräuber gehört?

Trinken
Getränkevorräte aufgebraucht, die Wasserversorgung zusammen gebrochen, Kläranlagen quellen über und die Seen und Flüsse haben sich in Kloaken verwandelt: Wenn es nicht mal regnet, hilft der Urinator. Das ist beispielsweise. eine Kinder- oder Radfahrer-Trinkflasche aus Metall, die am Schraubverschluß eine kleine Öffnung hat. Über diese stülpt man einen vier Meter langen (möglichst Silikon-)Schlauch von ca. fünf Millimeter Durchmesser, der ins kühlere Erdreich eingebuddelt oder durch eine Schattenzone geleitet wird. Urin oder Schmutzwasser in der Flasche werden auf kleinem Feuer erhitzt. Bevor der Wasserdampf das Schlauchende erreicht, ist er bereits kondensiert und flüssig. Schmeckt wegen des mitverdampften Ammoniaks zwar immer noch nach Pipi, ist aber befreit von körpergefährdenden Salzen.

Essen
Wenn der Kühlschrank ausfällt, der elektrische Dosenöffner versagt, die Supermärkte sich nicht mehr füllen, Knoblauch und Salz ausgehen und der Magen immer lauter knurrt, ist es an der Zeit für die Ekelüberwindung. Nehberg: "Tierische Notnahrung kann tierisch gut schmecken, wenn man Vorurteile ablegt und sie zubereitet wie andere Nahrung auch. Insekten haben den höchsten Nährwert allen Fleisches. Am besten gut durchbraten, dann verwandeln sich sogar Trichinen in Proteine." Nehbergs Sonntagsbraten-Sondertipp: "Brate dir die abgestoßenen Enden des Bandwurms oder die Mücken, nachdem sie sich mit deinem Blut vollgesaugt haben. Lerne so, dich von deiner eigenen Körpersubstanz zu ernähren. Kreislaufdernatur- und perpetuummobilemäßig." Vegetarier können beispielsweise nach Entengrütze, Algen, Brennesseln, Queckenwurzeln, Teichrosen, Klee, Farnsprößlingen oder Grasspitzen suchen. Diese essbaren Wildpflanzen sind zwar nicht sehr nahrhaft, beschäftigen aber den Magen und enthalten Mineralstoffe, Vitamine und Wasser.

Notlager
Ausgerechnet die größte Silvester-Rakete der Stadt schmettert durch dein Wohnzimmer-Fenster und explodiert dann. Telefonische Hilfe-Rufe kannst Du vergessen und leider springen auch die Autos der modernsten Feuerwache um die Ecke nicht an. Wenn kein Wasser mehr aus der Leitung kommt, dem Nachbarn es ebenso ergeht, kurz, einem der Gedanke über das fehlende Dach beschwert, dann ist das schon ein Notlager wert. Am besten sucht man sich einen Wald, weil auf Wiesen Tau fällt. Und Nässe, sei es auch nur in Form von Tau, ist tödlich. Besser, man gräbt sich im Trockenen eine Schlafgrube – ein sargähnliches Loch, 50 Zentimeter oder je nach Kälte tief. Es wird dick mit Laub, Stroh, Gras oder Blättern gefüllt, in die man sich dann so einkuschelt, dass man rundum mit Füllmaterial umgeben ist.

Survival-Ausrüstung
"Notfalls muß man ohne alles, mit nackter Haut, in die Zivilisation zurückkehren können. Wer das über 500 Kilometer schafft, hat Survival begriffen", schreibt Rüdiger Nehberg in seinem Survival-Lexikon. Empfehlenswerte Ausrüstungsgegenstände sind beispielsweise Schlafsack, Isomatte, warme, schnell trocknende Garderobe, Schuhwerk, Unterwäsche, Messer, Müsli, Wasser, kleiner Topf, Rucksack, Zelt, Medikamente und ein individuell zusammengestellter Überlebensgürtel, der einem das Überleben im äußersten Notfall erleichtert. Der 64jährige Konditormeister und Abenteurer aus Hamburg hat Angst vor dem Computerkollaps zum Jahrtausendwechsel. Rüdiger Nehberg will deswegen zu dieser Zeit lieber ganz in Ruhe auf einem Baumstamm über den Atlantik schippern.

Orientierung
Zeige Zivilcourage. Ansonsten gehst du Gewalt am besten aus dem Weg, denn Notruf, private Wachdienste, Polizei, Streifenwagen und Gefängnisse funktionieren nicht mehr. Du beherrscht die hohe Kunst des Frieden schließen und wahren. Du bist kompromißbereit bis zum alten Polonius. "Nimm dich in Acht, gerate nie in Streit. Doch wenn es dazu kommt, sorge dafür, dass auch dein Gegner sich vor dir in acht nimmt."

Erste-Hilfe-Ausrüstung
Die Krankenhäuser platzen aus allen Nähten. Hektisch Atemwolken austoßende und in Faserpelze gehüllte Ärzte arbeiten im flackernden Kerzenschein: Silvester-Leichen, Neujahrsbabies, Gewaltopfer; Plünderungen allenthalben und auf den Wiesen gebären die Frauen ihre Kinder. Gut, dass du die Versicherungskarte vergessen, eine Erste-Hilfe-Ausrüstung dabei hast und einen Gutschein auf dem steht: Gebären heißt Leben.

Kinder
Deine Kinder oder solche, die du gefunden hast, sitzen gelangweilt in der Ecke, aus der anderen starren die blinden Mattscheiben von Fernseher und Computermonitor, in die sich Szenen von Natural Born Killers und House Of Dead gebrannt haben. Auf die Straße willst du mit dem Nachwuchs nicht gehen, weil dort Eltern und Lehrer ihre Kinder und Schüler erschießen. Deswegen betrachtet ihr zusammen das Moos, das sich auf der Fensterbank bildet. Die Kinder wissen bald, wo Nordwesten ist und wie sie in die andere Richtung kommen.

(Veröffentlicht als "So überleben Sie den Millennium-Chrash" in Tomorrow 1/2000)

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