Himmel-Hummers unmenschliche Rache

Als Irhan sich erhob, hatte er noch Jaltas Fischgeruch in der Nase. Zärtlich strich er seiner Gespielin die Locke aus der Stirn, sich sehnsüchtig erinnernd an den unlängst vergangenen Liebeskampf.
Irhans Fensterblick schweifte über den Hafen seines Heimatortes, über die Netze flickenden Fischer, über die Wellenkämme der klaren Wogen. Er hörte Jalta seufzen, bevor ruckartig diesmal sein ganzer Körper erstarrte. Gebannt beobachtete er – gleich den in ihrer Arbeit innehaltenden Fischern – das sich vor allen Augen anbahnende Schauspiel voll abscheulicher Schönheit. Erst später erfasste er die Tragweite der Geschehnisse.
Irhan sah ein zappelndes, schreiendes Bündel, das aus der einzigen schwarzblauen Wolke des schwefelgelben Himmels gen Hafenmole stürzte.

Grobschlächtige Fischerhände fingerten ins Leere, in das auch der Muezzin aus seinem Minarett taumelte, als die gottverlassene Himmelsfrucht wieder durch die Luft nach oben schnellte.
Irhan erwachte aus seiner Trance; er hatte ein an der Wolkennabelschnur hängendes Kind als sein eigen Fleisch und Blut erkannt. Er schrie auf, riss die unselig schlummernde Jalta aus der fahlen Albtraumwelt frisch befruchteter Frauen. Tränenumspülte Augenblicke später begriff die so geweckte Mutter, dass die in irisierendes Licht getauchte Schlaf-Realität irrsinnige Wirklichkeit war. "Tu was!" schrie sie Irhan an, der nur darauf wartete, aus dem Fenster zu springen, als sich ihr Stammhalter blau gefärbt und mit angstweiten Augen näherte. Irhan packte das Bein des Babys, Jalta das Bein Irhans. Mit einem Knall spannte sich die Himmelsschnur, die junge Familie Richtung Himmelsdach ziehend.
Immer schneller ging die höllische Reise weg vom Hafen, hin zum Ende. Irhan wusste, dass er Jalta nie mehr sehen sollte als sich ihr Griff lockerte, ihre Hände von seinen Hautschuppen am Bein rutschten, Sekunden später die schrillen Schreie der Fischerfreunde wie durch Wolkenwatte an sein Ohr drangen und Jalta mit zerplatzten Adern die Planken von Irhans vertäutem Krabbenkutter färbte.
Der Mundgeruch des nahendes Todes streifte Irhans Nackenhaare wie die Einsicht in ein von maßlosen Schlachtereien erfülltes Leben. Der Schmerz, den die zupackenden Scheren verursachten, dämpfte seine Erinnerungen so wenig wie der Anblick des siedenden Wolkenkessels, in dem sich zuerst Babys Haut krebsrosa vom kleinen Leib schälte und später Irhan unter dem Feinschmecker-Auge des Himmel-Hummers zur Delikatesse vergarte....

Türkei 1990, Music by Jürgen Meyer

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